Willkommen auf der Homepage des Clara-Schumann- Gymnasiums in Bonn!

TuttiCowgirls2

Musical: Die Zeitmaschine hebt ab … Mit viel Drive führte die 5b am 26. April 2018 in der Aula ein Musical der Sonderklasse auf, souverän geleitet und begleitet von Anja Weiß: „Die unglaubliche Reise mit der Zeitmaschine“. Ein schönes Stück Erfahrungsweg für eine Klassengemeinschaft wurde hier vollbracht. Der präzis eingestimmte Schülerchor als Wasserwesen, Weltraumfremde und Menschenkinder gab den Ton an. Kleine Teilgruppen vertieften das Szenische, so die vom Mars Eingeschwebten, so ein Humbugzaubrer mit seinem Wundergeheilten, so die Girls aus dem Cowboyzeitalter. Tolle Solisten setzten eigene Glanzlichter auf und die beiden Conférencièren toppten alles. Das Publikum lauschte nicht nur aufmerksam, sondern powerte das Bühnengeschehen aktiv als ein präzis eingewiesener zweiter Chor.

 

Die Wikipedia führt uns in die Irre. Sie weist die literarische Uridee der Zeitmaschine einem Franzosen avec esprit aus der Aufklärungszeit zu und diejenige der Zeitreise selbst einem spleenigen Iren des Spätbarock. Von wegen – wir Rheinländer kennen dieses Motiv schon lange und meinen zu wissen, dass bei uns in Heisterbach im Siebengebirge schon zu Mittelalters Epoche ein Klosterbruder seine Zeitreise durch Jahrhunderte vollbracht hat, freilich dabei friedlich schlummernd. Man würde bei dieser Gelegenheit als linksrheinischer Bonner gern – zu unrecht – über die von de scheel Sick lästern, die ihre angeblichen Heldentaten offenbar nur im Schlafdusel auf die Reihe bringen. Aber wir wissen natürlich genau, dass besagter Mönch Ivo eine romantische Erfindung ist, und seine literarische Figur auf der Erzählung über den Philosophen Epimenides fußt, also bei den Griechen wurzelt, also da, wo alles strukturierte Nachdenken anfängt. – Also schon die Suche nach dem Erzählgehalt des hier Angesprochenen selbst spurt einen mithin gleich auf ein Journey through the Past mit Bildungswert.

Prall im Hier und Jetzt stand dagegen die Klasse Fünf be am Abend des 26. April 2018 auf den Brettern der Aula im Clara-Schumann-Gymnasium. Die Truppe war souverän einstudiert, gelotst und begleitet von ihrer Klassen-, Deutsch- und Musiklehrerin Anja Weiß. Nicht nur als Chorleiterin und Soundmaschine am hauseigenen Steinway, sondern auch als Regisseurin, Souffleuse und Bühnenbildgestalterin hat Frau Weiß das Geschehen on stage strukturiert, und das mit Farbe und Wucht. Am Teamwork waren viele beteiligt, von der Kunstlehrerin Nora Hansen als Bühnengestalterin und Kostümbildnerin über die Musiklehrerin Katrin Wimmer in der Regieassistenz bis hin zu Matthias und Richard an der Lichtregie. Das aufmerksame Publikum verschlang die gut halbstündige Show und stippte mit liebevollem Blick jedes Detail.

Eine kompakte Inszenierung ließ der präzis in sich eingestimmte Chor hier Wirklichkeit werden, ein Klangkörper, zu dessen kollektivem Statement als Wasserwesen, Weltraumfremde oder Menschenkinder die Handlung immer wieder zurückstrebte. Kleinere Sängergruppen setzten eigene Akzente, so Rebecca Vad, Kian Kantarci und Hanna Veenaas vom Mars eingeschwebt, so Anton Hoster und Bruno Dräger primär pantomimisch als zweifelhafter Zaubrer nebst quicklebendigem Quacksalbereiopfer in der Mittelalterszene, so aber – und das war der Knaller: – besonders erfreulich die hinreißenden Cowgirls ohne Sand im Getriebe, Lilly Biggs, Mia Simon und Kimya Keunecke, die überzeugend auch einzeln besondere Highlights einpflockten, als könnte man Mustangs dran anleinen.

Alle Solorollen behaupteten sich, und das ist für Fünftklässler eine besondere Leistung, ohne Headsets frei auf der Bühne in vokale Performanz – kein Netz und doppelter Boden. Die beiden überragenden Rollen als Conférencièren, durchwegs gesprochen, wurden in Glanzbesetzung beseelt von Paula Nohlen und Sophie Ulbrich als Verena und Sarah, berauschend komplementäre Verkörperungen von Neugier und Staunen, Vita activa et contemplativa, blond und schwarz, ja: kecker Chuzpe und anmutigem Zaudern. Beide angesichts eines wuchtigen Volumens an Dialogen atemberaubend textsicher mit jeder Faser. Der dramaturgische Schachzug, das willige Publikum selbst als Klangkörper aufzurufen, ja: aufzupeitschen, gelang den beiden wie sonst nur Cheerleadern in einem amerikanischen Baseballstadion.

Das Musical stammt aus der Feder des württembergischen Chorleiters und Pianisten Martin Falk und gab sich für die Präsentation bei Clara deutlich in Form, der narrative Stoff wurde durch beherztes Kürzen gerafft, ohne dass am Ende logische Brüche das Verständnis erschwerten. Streng nach den Worten von Christoph Martin Wieland: „Weniger ist oft mehr“.

Es blieb auch so noch genug zu bestaunen: Von der Frühlingssuppe freudiger Lebensbefruchtung – gleichsam am fünften Schöpfungstag – in fischiger Fröhlichkeit, dann über das Meeting mit Marsmännchen, murmelndes Mauscheln des mystischen Mittelalters bis zu den draufgängerisch Karierten der Westernzeit auf der kakeligen Texas-Ranch gab es ein wechselvolles Potpourri kultureller Orientierungen. Die Kostüme waren fantasievoll – mit vielem selbst Gemachten und Ausgedachten beleuchteten sie die Darstellung oft in farbiger Akzentuierung, mal mit lyrisch-ballettartigen Symbolgewändern, wie in der Fischepisode und der Marsbewohnerszene, mal überraschend in dämonischer Pracht zum Beispiel im Zaubererambiente. Timi selbst (sprich: „Taimi“, so ähnlich wie das englische Wort für Zeit), die Zeitmaschine, beseelt von Alexander Vad, hatte gottseidank kein I-Pod-Schrumpfformat, sondern präsentierte sich in richtig klarer Stanniolpapieroptik so, wie eine richtige große Maschine aus der richtigen Maschinenzeit auf einer richtigen Bühne aussieht. Der Timi-Stimme antwortete in klarer Diktion Kian Hagebaum als der Epochenfürst.

Zeitreisegeschichten leiten gern zu einem ganz bestimmten Blick aufs Gegenwärtige und haben deshalb leicht einen ideologischen Gout: Die Heisterbacher Legende belehrt, dass die Jahrtausende im Angesicht des Herrn nur ein Tag sind, H. G. Welles‘ Time Machine hält der viktorianischen Zweiklassengesellschaft zeigefingerhaft den Zerrspiegel kommender kannibalischer Ausbeutung zwischen Eloi und Morlocks vor und Gerhard Hardels im Pseudonym erschienener Kinderroman – aus der DDR der Stalinära – mit einem die Chronologie steuernden Frosch namens Teepetepee lehrt die Kleinen im Paket mit dem historischen Materialismus, an eine leuchtende Zukunft des Sozialismus zu glauben und in Vorfreude ihre Kompromissfreude fürs Gegenwärtige zu ertüchtigen.

Im Zeitalter des Klimawandels wäre es nun kleine Münze gewesen, wie Lehrer Lämpel die Voyage des temps als ökologische Dystopie auszugestalten. In Gestalt eines verblüffenderweise tatsächlich vorhandenen Urmenschenschädels auf der Bühne – im dramatischen Geschehen salopp als „Wildschweinkopf“ verunglimpft – wäre ja ein unverzichtbares Requisit, hier zu Recht sogar aus dem Vorpleistozän, für einen entsprechend tiefsinnigen To-be-or-not-to-be-Monolog vor dem Hintergrund dräuender Futurekatastrophen schon bei der Hand gewesen. Zum Glück hat die Action diese beklemmende Wendung nicht genommen, sondern unsere Kinderkünstler durften noch einmal einfach voller Spaß durch die Epochen toben.

Kehrten Frau Weiß und die Fünf be aus dem Reich der Poesie von den Erfahrungen der fremden Perspektiven bereichert zurück, nun mit geklärtem Blick auf sich selbst verwiesen? „Wir sind Kinder dieser Erde …“ – Ja, auf jeden Fall, aber noch mehr:

Vor allem – da bin ich als Berichterstatter sicher – haben sie, die erst seit einem halben Jahr als Einzelne aufeinander zugehen und als Ganzes sich gemeinsam entdecken, in Rekordzeit gelernt, zusammen klarzukommen. Sie haben erfahren, sich als Gemeinschaft zu formieren und Hand in Hand etwas zu beseelen, was sie mehr sein lässt als die Summe der Einzelnen. Eine Erfahrung, an die sie sich künftig erinnern, sich vielleicht auch mal einmal aufrichten können – ein kleiner Gründungsmythos. Solch ein Anfang ist schon ein schönes Stück Weg für eine fünfte Gymnasialklasse hier und heute.

Olaf Dräger

Foto: Biljana Paneva