Bundesminister a.D. Rudolf Seiters, die Autorin Grit Poppe und die Zeitzeugin Kathrin Begoin
Noch eine Vergangenheit, die nie vergeht
„Wir haben alle einen Knacks. Auch ich.“ Kathrin Begoin sollte wie so viele andere Jugendliche in den beschönigend „Jugendwerkhöfe“ genannten Heimen zur „sozialistischen Persönlichkeit“ umerzogen werden. Dabei sollten die Opfer gebrochen werden. Schläge, immer wieder Schläge. Laut staatlicher Verordnung mit dem Schlagstock, nur in die „Weichteile“, damit es keine bleibenden Spuren hinterlässt. Die Narben auf der Seele bleiben ein Leben lang. Auch 25 Jahre später brennen bei Kathrin Begoin abends in jedem Zimmer Kerzen. Bloß keine Dunkelheit. Wer einmal in der „Dunkelzelle“ eingesperrt war, kann Dunkelheit nicht mehr ertragen. Ein Leben lang. Auch wenn das alles längst Vergangenheit ist, vergeht auch diese Vergangenheit nie. Kathrin Begoin versucht, die schrecklichen Geschehnisse zu verarbeiten, auch durch ihre Lieder.
Am 12. November nahm die Klasse 9d des Clara-Schumann-Gymnasiums mit ihrem Politik-Lehrer, Herrn Leyhe, teil an einer Lesung der Jugendbuchautorin, Grit Poppe, die ihr neues Werk „Abgehauen“ vorstellte.
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Die 16jährige Protagonistin des Romans wird jahrelang im berüchtigten Jugendwerkhof Torgau bei Leipzig malträtiert, bis ihr 1989 die Flucht gelingt, auch aus dem Riesen-Gefängnis DDR über die bundesdeutsche Botschaft in Prag. Mit einem der berühmten „Züge in die Freiheit“ wird sie in die Bundesrepublik gelangen können.
Bundeskanzleramtsminister a.D. Rudolf Seiters ordnet auf dem Podium die aufregenden Tage des Herbstes 1989 in die Geschichte ein. Er war verantwortlich für die Verhandlungen mit dem SED-Regime und sah sich einer Riege von Betonköpfen gegenüber, die – auch als die Flüchtlingswelle schon längst rollte – immer noch glaubte, dass das Volk sie liebe. Die DDR stimmte schließlich der Ausreise der Flüchtlinge zu. Die Fahrt der Züge musste über DDR-Territorium führen und was als souveräner Akt geplant war, entpuppte sich als absurde Fehleinschätzung der Lage. Der Rest ist Geschichte. Glückliche Geschichte.
Was hat das alles mit den Schülern zu tun, die 1989 noch längst nicht geboren waren? Die Erfahrung, dass auch die oft so dunkle Geschichte Deutschlands ihre schönen, lichten Momente hat. Überhaupt erstmal das Kennenlernen wichtiger Abschnitte der deutschen Geschichte. Was hat das Ganze mit dem Heute zu tun? Vielleicht die Einsicht, dass Menschen etwas bewegen, buchstäblich Mauern einreißen können. Dass sich jeder einmischen kann und muss. Dass Unrecht abgeschüttelt werden kann, wenn endlich der rechte Zeitpunkt gekommen ist.
Die Klasse 9d im Haus der Geschichte
Jochen Leyhe, Lehrer für Politik-Wirtschaft in der Klasse 9d